Das Buch der Woche: “Minimum” von Frank Schirrmacher

minimum.jpg Frank Schirrmacher legt nach: Beschrieb er in seinem Bestseller "Der Methusalem Komplex" die Vergreisung der Gesellschaft, geht es in seinem neuen Sachbuch-Schocker "Minimum" um eine andere Dimension der demografischen Katastrophe. Immer weniger Kinder und schwindende Familien verknappten einen wichtigen Rohstoff, ohne die eine Gesellschaft nicht überlebensfähig sei: die Fähigkeit zum sozialen und selbstlosen Handeln. Dieses soziale Kapital bewege sich in unserer Gesellschaft auf ein Minimum zu, mit weitreichenden Folgen.

Die Tragödie vom Donner-Pass

Schirrmacher weiß, wie er seine Leser packen kann. Er referiert nicht nur die sattsam bekannten Fakten über niedrige Geburtentraten, zeugungsunwillige Männer, menschenleere Landschaften und Großstädte voller Singles, er geht die demografische Katastrophe als historischen Krimi an.

Die so genannte Tragödie vom Donner-Pass offenbart Schirrmacher, was unsere Gesellschaft um Innersten zusammenhält: die Familie. 1846 machte sich ein Treck europäischer Einwanderer auf den Weg durch den Wilden Westen nach Kalifornien. Der Zug endete in einem Schneesturm in der Sierra Nevada in einem Desaster. Von den 81 Menschen des Trecks überlebte nur gut die Hälfte. Und die Überlebenden waren zumeist Mitglieder einer Familie, die mitreisenden jungen und starken (Single-)Männer kamen fast alle um.

Schirrmachers Erklärung, die er auch in anderen Katastrophensituationen bestätigt sieht: Die selbstlose Hingabe der Familienmitglieder, vor allem der Frauen, hätte die eigenen Verwandten vor dem sicheren Tod bewahrt. Während die Männer sich teils durch Gewaltausbrüche selbst dezimierten, kümmerten sich die Mütter in der Gruppe selbstlos um Kinder und Ehemänner, sie glichen den Mangel an essbaren Vorräten durch ihre sozialen Ressourcen aus. Die Familie, das zeige das Donner-Pass-Drama, das zeige die ganze Evolutionsgeschichte, sei eine "Überlebensfabrik" und "die Produktionsstätte urzeitlichen Vertrauens". Große Worte für die schlichte Erkenntnis, das Blut nun mal dicker als Wasser ist.

Das Verschwinden der Familien

Was wir im Moment erleben, und das ist unstrittig, auch wenn man ein weniger biologisch definiertes Familienbild als Schirrmacher hat, ist das Verschwinden der Familie aus unserer Gesellschaft. Es gibt jede Menge Singles, Paare ohne Kinder, Alleinerziehende, Teilzeitlebensgemeinschaften aller Art, aber stabile Familienverbände, die über Generationen hinweg zusammenhalten und Kinder aufziehen, gibt es immer weniger. Und mit der Familie, darin sieht Schirrmacher die eigentliche Katastophe, geht auch das soziale Netzwerk der Verwandtschaften zugrunde. Wer soll sich um die vielen Alten kümmern, wen es kaum noch Nachkommen gibt? Das wird zu der paradoxen Situation führen, das sich erwachsene Einzelkinder ein halbes Leben lang allein um das eigene Einzellkind und später um die langlebigen Eltern werden sorgen müssen.

Die Familie zerfällt, seit Jahrzehnten. Schirrmacher macht dafür Sigmund Freud ebenso wie die Telenovelas verantwortlich und natürlich den Selbstfindungsdrang der 68er-Generation. Das kann man, das muss man anders sehen. Wo ist die Rolle der Ökonomie? Schirrmacher streift sie nur am Rande. Warum gibt es in vergleichbaren Gesellschaften, etwa in Frankreich und Schweden, weitaus höhere Geburtenraten? Nur einen Halbsatz gibt es dazu in "Minimum".

Aber mit seinem Familienbegriff legt Schirrmacher, und das ist die provokative Stärke dieses Buches, den Finger in die Wunde einer ausblutenden Gesellschaft. Es ist Konsens, mittlerweile auch in weiten Teilen der bürgerlichen Parteien, auch nicht-traditionelle Lebensgemeinschaften als Familienform anzuerkennen (zu Recht) und von ihnen zu erwarten, dass sie das tun, was die bürgerliche Familie seit Jahrhunderten hervorgebracht hat: genügend Kinder, um das Überleben der Gesellschaft zu sichern. Diese Erwartung wird aber offensichtlich gerade enttäuscht. Wie weit muss "Familie" also Familie bleiben, um die demografische Katastrophe abzuwenden?

Die Last der Töchter

Das Buch heißt im Untertitel: "Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft". Vom Vergehen ist in "Minimum" viel die Rede, vom Neuentstehen so gut wie gar nicht. Schirrmachers Haltung bleibt angesichts des Donner-Passes, auf den Deutschland zusteuert, fatalistisch. Er sieht zunächst die jungen Mädchen von Heute in der Pflicht: Die müssten die Betreuung ihrer alten Verwandten übernehmen, da der Sozialstaat kapituliere, erwerbstätig sein, da Arbeitskräfte Mangelware werden und schließlich auch noch Kinder auf die Welt bringen. Wo handfeste, zielgerichtete Familien-, Einwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik gefragt ist, bleibt Schirrmacher nur die vage Hoffnung darauf, dass sich künftige Generationen der "Elementargewalt" Familie besinnen – und einfach wieder genügend Kinder machen.

Frank Schirrmacher, "Minimum – Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gesellschaft", Karl Blessing Verlag, 192 Seiten, 16,- Euro

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2 Responses to “Das Buch der Woche: “Minimum” von Frank Schirrmacher”

  1. Medusalim Says:

    Was von Schirrmachers Thesen zu halten ist, wie er fälscht und Zitate willkürlich zusammenklaubt, kann man hier nachlesen:

    http://www.merkur.de/11451.0.html?&no_cache=1

    http://www.single-generation.de/kritik/debatte_schirrmacher_neue_gesellschaftsordnung.htm

  2. familie Says:

    Fälschen und klauben hat der Mann wahrscheinlich nicht nötig. Kluger Kopf, der er ist. Aber die Fußnoten haben mich auch genervt.

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