Fernsehen für Anfänger

Der WDR fragt sich anlässlich des Internationalen Frauentags “Welches Familienbild haben wir?”. Und wir fragen uns: Ein Familienbild im Fernsehen? Gibt es das überhaupt?

Schon vor Monaten kam das Grimme-Institut in einer Studie zu dem Schluss, dass sich die aktuelle familienpolitische Debatte, von der scheinbar ganz Deutschland erfasst wird, in den elektronischen Medien kaum wiederfindet. Zwischen “Super Nanny” und “Lindenstraße” läuft im deutschen Fernsehen zum Thema Familie nicht mehr viel, lautet das Urteil der Experten.

Nachholbedarf im Ersten

Das hat auch WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf erkannt und sieht jetzt “Nachholbedarf”: “Unsere ARD-Serien könnten sich stärker und differenzierter dem Thema Familie widmen – sowohl im Vorabendprogramm als auch im Hauptabendprogramm.” Ein (sicher nicht repräsentativer) Blick auf das ARD-Programm der kommenden Woche vom 11. bis 17.3. gibt Deppendorf Recht, aber vollkommen.

Wer am Samstag nach “Familie” im Programm sucht, findet – nichts. Sonntag gibt es die “Lindenstraße” – Mutter Beimer als Mutter der Soap-Nation. Die Weekly Soap ist auch eine Art Familienserie und auch nach Jahrzehnten noch beliebt beim TV-Zuschauer, aber ist das ein “differenzierter Beitrag zum Thema Familie”? Glauben wir nicht.

Montag: Fehlanzeige, vom öffentlich-rechtlichen “Familienbild” keine Spur; Telenovela, Soaps, Krimis, ein Politmagazin. Dienstag: Da findet sich tatsächlich eine neue Serie im Vorabendprogramm, und siehe da, es ist eine Familienserie. “Türkisch für Anfänger” – zwölf Folgen über die Erlebnise einer Psychotherapeutin und Mutter, die mit einem türkischen Kriminalbeamten und dessen zwei Kindern zusammenzieht, frei nach dem Motto “Ganz Berlin in einer Familie”. Da droht uns Mittelschicht-Muti-Kulti vom Feinsten. Hat als Lebensmodell aber ziemlich abgewirtschaftet. Entschuldigung, aber ich möchte so etwas nicht mehr sehen.

Von Mittwoch bis Freitag ist das Familienbild der ARD ganz schwer zu beurteilen – es findet nicht statt. Nicht in Serien, TV-Filmen oder aktuellen Reportagen, es sei denn, man begreift das Personal der täglich wiederholten Krankenhaus-Serie “In aller Freundschaft” irgendwie als Familie.

Power-Frauen und einsame Wölfe

Das in der Gesellschaft immer noch vorherrschende Familienmodell Marke Kleinfamilie bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern, findet in diesem willkürlichen Ausschnitt des ARD-Programms keinen Platz. Eine Zufallsbeobachtung, die sich aber mit den Erkenntnissen des Grimme-Instituts deckt. Die Forscher hatten im Auftrag des Familienministeriums im vergangenen Jahr das Bild der Familie in 500 Programmstunden deutscher Fernsehsender untersucht, in den Bereichen Fiktion und Non-Fiktion.

Fazit: Die bundesdeutsche Kleinfamilie kommt praktisch gar nicht in TV-Filmen und Serien vor. Stattdessen wird das Familienbild im Fernsehen bestimmt von “weitverzweigten Großfamilien, von allein erziehenden Power-Frauen und einsamen Wölfen.” Nichts gegen kerlige Kommissarinnen oder rassige Rechtsanwältinnen, die guckt man sich ja selbst gelegentlich gern an, aber etwas mehr Familie dürfte es schon sein im deutschen Fernsehen.

Kleinfamilie als Quotenbringer

Wahrscheinlich besinnen sich die Sender aber erst dann auf das Thema, wenn die Spezies Familie auch real schon fast ausgestorben ist. Vielleicht mit einem Magazin-Format unter dem Titel “Ein Herz für die Kleinfamilie” – ich stelle mir da einen väterlichen Moderator Marke Grizmek vor, der zum Schutz der letzten überlebenden Familien in Deutschland aufruft und in eindringlichen Reportagen Väter, Mütter und ihre putzigen Kleinen vor die Kamera holt. Bei einem Volk von kinderlosen Singles könnte das Quote machen.

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