Archive for March, 2006

Kapitulation im Klassenzimmer

March 31, 2006

Eine Schule kapituliert vor ihren Schülern – der Notruf der Lehrer der Berliner Rütli-Hauptschule hat viele schockiert, überrascht oder auf dem falschem Fuß erwischt. Der zuständige Senator hatte, so liest man, keine Ahnung von den Vorgängen in Neukölln. Scheinbar wusste auch sonst kaum jemand außerhalb des Schulgeländes, welche Szenen sich drinnen abspielen.

Sicher, diese Schule ist ein Extremfall. Aber die Ursachen der Klassen-Katastrophe sind bekannt. Die kennt auch Senator Böger. Man kann sie an vielen Hauptschulen in den größeren Städten des Landes besichtigen. Der Möchtegern-Bürgermeister Pflüger (Vorname: Friedbert) schlägt vor, gewalttätige Schüler des Landes zu verweisen. Auch er müsste es eigentlich besser wissen. Mein  Vorschlag: Verweis für ein Schulsystem aus Kaisers Zeiten! Aus folgenden Gründen:

1. Die Schulform Hauptschule ist eine Sackgasse – ein Wurmfortsatz unseres überholten dreigliedrigen Schulsystems. Wer hier landet, fährt mit hoher Wahrscheinlichkeit später sozial und beruflich an die Wand. Weg mit der Hauptschule!

2. Die Integration ist gescheitert – wer will, dass auch Kinder mit ausländischem Familienhintergrund in der Schule eine Chance haben, muss sie fördern. Und fordern – von den Eltern die Bereitschaft zur Teilnahme am öffentlichen Leben, von den Kindern Leistungen und die Einhaltung von Grundregelen. Also weniger "Türkisch für Anfänger" und mehr Klartext für Unwillige.

3. Problemviertel wie Neukölln gibt es viele – man wird sie nicht abschaffen können. Aber muss es sein, dass sich das pädagogische Elend eines Viertels an einer Schule konzentriert? Vielleicht muss man über Quoten für bestimmte Problemgruppen nachdenken.

4. Personalmangel und mangelhaftes Personal – Schulprobleme sind auch immer Lehrerprobleme. Das Hauptschullehrerdasein ist gewiss kein Zuckerschlecken. Aber bei mancher Lehrkraft vermisst man doch die Motivation, sich einer veränderten Realität vor dem Schultor zu stellen. Mehr Lehrer und Sozialpädagogen allein sind nicht die Lösung, da muss mehr Qualität in die Köpfe.

Eltern – ratlos

March 30, 2006

"Sind Eltern heute zu ängstlich?", fragt die Brigitte in ihrer letzten Ausgabe und kommt in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass die Eltern dazu neigen, Gefahren für ihr Kind höher einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Viele Eltern sind scheinbar nicht mehr in der Lage, alltägliche Konflikte, Krisen und Fragen ohne Rat von außen zu lösen. Sie haben Angst vor dem Spielplatz – das Kind könnte sich verletzen. Sie wissen nicht, in welchem Alter das Kind allein zur Schule gehen kann. Sie haben Schwierigkeiten, eine harmlose Erkältung von einer ernsthaften Infektion zu unterscheiden. Sie sind immerzu besorgt – und ratlos.

Eltern investieren in Deutschland 750 Millionen Euro pro Jahr für Bücher und Zeitschriften mit Erziehungstipps. Amazon spuckt bei der Suche nach Erziehungsratgebern 1333 Treffer aus – von "Die Super Nanny – Glückliche Eltern brauchen Kinder" über "Babyflüsterer" bis zu "Richtig schimpfen – aber wie?".

Wenn schon viele Eltern nicht mehr wissen, wie sie mit Kinden umgehen sollen, kann man es den Kinderlosen da verdenken, wenn sie über die Fortpflanzung mehr als zweimal nachdenken? Zu wenig Kinder in Deutschland? Vielleicht. Auf jeden Fall zu wenig Mut und Menschenverstand, einfach das zu tun, was eigentlich schon seit Jahrtausenden funktioniert. Es ist doch gar nicht so schwierig.

Eskalation der Gewalt an Berliner Schule

March 30, 2006

Der Hilferuf der Lehrer der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln – ein erschütterndes Dokument. Und erhellender als ein Dutzend Studien über Gewalt an deutschen Schulen. (more…)

PISA-Probleme

March 29, 2006

Meine Tochter hat das große Los gezogen. Sie ist als Teilnehmerin der PISA-Studie 2006 gezogen worden. Sie macht den Test an der Schule, die Eltern müssen einen Fragebogen zur Lernsituation des Kindes ausfüllen. Schön, freue ich mich, dann bekomme ich jetzt mal aus erster Hand mit, wie diese schon legendäre Studie gemacht wird, ein Stück Bildungspolitik live.

Das Schreiben der Schule zur Test-Teilnahme macht mich aber ein wenig stutzig. Die PISA-Kandidaten werden regelrecht auf das Ereignis eingeschworen: Dieser Test sei für die Schule, uns und unser Kind sehr wichtig, schließlich könne so festgestellt werden, ob auch das Richtige für die Bildung in Deutschland getan werde. Wir werden ermahnt, unserer Tocher zu erklären, wie wichtig dieser Test für die Zukunft des Kindes ist. Denn:

"Ein gutes Abschneiden Hamburger Schüler würde zeigen, dass das Hamburger Bildungswesen auf dem richtigen Weg ist, Ihren Kindern eine gute Zukunft zu sichern, ein schlechtes würde uns zu schnellen Änderungen auffordern."

Sage ich meiner Tochter jetzt, sie soll sich ja anstrengen, den Test so gut wie möglich zu machen? Ein gutes Testergebnis hieße doch, das "Bildungswesen" der Stadt ist prima, wir brauchen nichts zu verbessern, allgemeines Schulterklopfen und gut. Es ist aber nicht gut.

Ein paar Ganztagsschulen mehr, zaghafter Fremdsprachenunterricht an den Grundschulen, ein paar zusätzliche Stühle in der Schulkantine, dafür weniger Lehrer an den Gesamtschulen, neue Bücher, die aber von den Eltern bezahlt werden – ich finde, die Schule ist noch nicht auf dem richtigen Weg. Ich bin für Änderungen im Schulsystem, meinetwegen auch schnelle. Aber Änderungen gibts ja nur, wenn PISA schlecht ausfällt. Soll ich meiner Tochter jetzt sagen, sie soll den PISA-Test verhauen, damit alles besser wird? Ein schweres Los.

Kindergeld vs. Kindergarten 1:1

March 29, 2006

Einer Umfrage des Stern zufolge befürworten 49 Prozent der Bundesbürger den Vorschlag von Finanzminister Steinbrück, das Kindergeld zu kürzen, um so kostenlose Kindergartenplätze zu finanzieren. Allerdings lehnen fast genauso viele der Befragten, nämlich 45 Prozent, das Vorhaben ab. Ein klares Unentschieden, eine unausgegorene Idee – das passt.

Frau, berufstätig, Kinder

March 28, 2006

Freut euch, denn im kommenden Jahr geht ein wahrer Geldsegen über uns deutsche Eltern hernieder. Zumindest über eine Teilmenge. Für die wird es Elterngeld geben (bis zu 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens des zu Hause verbleibenden Elternteils, maximal 1800,-), die Kosten für Kinderbetreuung (vor allem, wenn beide Eltern arbeiten) können steuerlich besser abgesetzt werden. Insgesamt soll 2007 eine Summe von 460 Millionen Euro als Familienförderung unters Volk gebracht werden. Eine schöne Stange Geld. Das finden auch Industrie, Handel und die Anzeigenverkäufer großer Verlagshäuser.Das Branchenblatt "New Business" hat schon mal ausgemacht, wo das familiäre Konsumpotenzial denn nun genau liegt. Besonders attraktiv finden die "Business"-Experten die Teilzielgruppe "Frau, berufstätig, Kinder" – die berufstätigen Mütter haben beim Shoppen nämlich nicht nur Windeln und Babybrei im Sinn, sondern auch Interesse an höherwertigen Konsumgütern wie Videokamera, MP3-Player und Spiegelreflexkamera.

Fast vier Millionen verdienende Mütter verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von mindestens 2000 Euro, 2,1 Millionen haben einen finanziellen Spielraum von über 250 Euro im Monat. Und dieses Geld wird ausgegeben, nicht nur für Dinge, die direkt den lieben Kleinen zugute kommen. Die schlichte "Business"-Erkenntnis lautet:

"Das öffentliche Leben und auch der Konsum von nicht Kind affinen Produkten hört auch bei berufstätigen Frauen mit Kind nicht auf."

Frauen erlauben sich eben auch ein menschliches Leben, wenn sie Mütter werden. Das weiß zwar jeder, der Familie bzw. eine mitverdienende Frau hat, aber nun wissen es auch die, die von der staatlich geförderten Familie leben wollen.

Homer schlägt Lotta

March 28, 2006

Hat die Familie Simpson doch noch eine Chance bei ProSieben? Die neue Telenovela "Lotta in Love", die seit gestern anstelle einer "Simpsons"-Folge läuft, hat einen echten Fehlstart hingelegt. Nicht einmal eine Million Zuschauer wollte die Serie mit Janin Reinhardt sehen. In der Zielgruppe (14 -49 Jahre) erreichte die Telenovela einen
Marktanteil von 12,7 Prozent – das ist bei dem Werbedruck und den hohen Erwartungen fast schone eine Katastrophe. Die "Simpsons" hatten auf dem selben Vorabend-Sendeplatz hingegen bis zu 16 Prozent geschafft. Jetzt müsste es doch bei ProSieben eigentlich heißen: "Simpsons reloaded!"

Jugend ohne Handy

March 27, 2006

Eben steckte Deutschland noch in der Kinder-Krise, jetzt kriegt das Land die Handy-Krise. Nach einer Polizei-Razzia in einer Schule im Allgäu, bei der 200 Handys konfisziert wurden, 19 davon mit Brutalfilmen, fordert CSU-General Markus Söder jetzt ein generelles Handyverbot an bayerischen Schulen. Und mehr: Video-Handys sollen nicht mehr an Kinder unter 16 Jahren verkauft werden können.

Das einer wie der schneidige Söder solche Forderungen aufstellt, überrascht nicht. Es langweilt. Früher waren es Horrorfilme aus der Videothek, dann Ballerspiele auf dem PC, jetzt (sicher sehr) hässliche Ruckelfilme auf dem Handy. Immer ist der Schock bei den Erwachsenen groß, und immer soll ein Verbot die schnelle Lösung sein, um die Jugend vor ihren Dummheiten zu schützen. Wie diese Bemühungen ausgehen, weiß man ja aus der Vergangenheit.

Dennoch: mir ist das Problem aus den Schulen meiner Kinder völlig unbekannt. Vielleicht bin ich einfach nur ahnungslos, vielleicht ist aber tatsächlich nichts los in Sachen Handy-Schmuddelfilm. Nachfragen schadet nicht.

Promis bei Wasser und Brot

March 25, 2006

Die Ausrede der Woche. TV-Star Ralf Bauer (39) in der “Bild“: 

“Es wird immer schwieriger, Kinder zu ernähren. Ich kann für mich selber berufliche Entscheidungen treffen, könnte notfalls auch wochenlang von Brot und Wasser leben. Das möchte ich meinen Kindern aber nicht wünschen.”

Wann hat der den zuletzt von Brot und Wasser gelebt…

Brutale Videos auf Schülerhandys – wie Focus online eine brutale Nummer daraus macht

March 25, 2006

Auf deutschen Schulhöfen machen offensichtlich Gewaltvideos und Pornos die Runde – auf dem Handy. Die bayerische Staatsregierung überlegt bereits ein  generelles Handyverbot an den Schulen. Heute berichtet Focus online unter der Überschrift “Länder reagieren – Brutale Videos auf Schülerhandys” erneut über das Thema. Tenor: Die Öffentlichkeit ist schockiert, jetzt muss gehandelt werden.

Was genauso schockiert wie Pornos auf Schülerhandys, ist die Art und Weise, in der Focus online über das Thema berichtet. Die ist, vermutlich ohne Absicht, ein Musterbeispiel dafür, wie man journalistischen Content nicht mit Werbebotschaften des Kunden verbinden sollte.

Neben dem Artikel ist ein Banner geschaltet, der für den anonymen Download unzensierter Pornofilme wirbt, inklusiver halbnackter Dame. Eine mindestes unglücklich zu nennende Verbindung von Content und Werbung, die den journalistischen Beitrag der Seite konterkariert. Der Focus-Kunde wirbt für das, was der Focus-Artikel anprangert.

Die Krönung der Handy-Nummer sind jedoch die “innovativen” Werbeformen, die Focus im Artikel selbst einsetzt. Schlüsselwörter des Textes wie Handy und Video sind verlinkt – nicht etwa zu weiteren Hintergrundinformationen, sondern zu Popups einiger Werbepartner. Dabei ergeben sich Effekte, die nicht im Sinne der Kunden und schon gar nicht des Lesers sein können.

Beispiel: “Videos von Hinrichtungen, brutale Pornodarstellungen und andere bestialische Gewaltszenen machen mitunter bei Minderjährigen per Handy die Runde…” Klicke ich auf “Videos”, lande ich bei T-online, wo ich Unterhaltungsfilme herunterladen soll. Ob die jetzt auch Hinrichtungsfilme oder andere Gewaltstreifen im Angebot haben? Gehe ich auf “Handy”, lande ich im Handyshop von 02. Da kann man genau die Handys kaufen, mit denen vorlaute Schüler Filme böse Filme runterladen und rumzeigen können.

Da schert einen der Schulhof-Skandal gar nicht mehr.