(Familien)kino: “Elementarteilchen”

“Die Familie ist das sinnvollste Lebensmodell. Eine Generation, die sich um die nächste kümmert”, sagt Moritz Bleibtreu in einem Interview in der neuen GQ zu seinem Film “Elementarteilchen”. Die Verfilmung des “Skandalromans” von Michel Houellebecq – ein Familienfilm? Nicht direkt. Aber vielleicht ist es einfach nur ein guter Film – dem Feuilleton zum Trotz. Ich hatte keinerlei Erwartungen an den Film, als ich mich zur Hamburger Pressevorführung im Kino einfand. Zwar wusste ich um den Wirbel und die geteilten Reaktionen auf der Berlinale, aber sagt das irgendwas über die Qualität eines Films? Einen Ausschnitt hatte ich schon gesehen, der mir aber nicht viel sagte. Für eine 10-Uhr -Pressevorführung und der Berlinale-Abwesenheit vieler Kollegen war es jedenfalls erstaunlich voll im Kino.

Die beiden Brüder Michael (Christian Ulmen) und Bruno (Moritz Bleibtreu) werden einander im Teenageralter vorgestellt, wussten bis dahin von der Existenz des anderen nichts. Ihre Mutter Jane (Nina Hoss) hat beide im zarten Kindesalter bei den jeweiligen Großmüttern abgegeben, um weiterhin ihrer “freien Liebe” und ihrem Jet-Set-Leben nachzugehen. Aus Bruno, einem verkappten Literaten, ist ein Lehrer geworden, aus Michael ein Molekularbiologe.

Natürlich haben beide ein höchst gestörtes Verhältnis zu Frauen – bei der Mutter und einer vorstellbaren geschlechtslosen Erziehung der Großmütter der 60er-Jahre.

Bruno hat den permanenten Drang zu gesellschaftlich geächteten sexuellen Kontakten. Er ist zwar verheiratet und hat ein Kind, entdeckt sich aber als schlechter Vater und Ehemann, der das Älterwerden seiner Frau ebenso wenig übersehen kann wie die sexuellen Reize, die von seinen Teenager-Schülerinnen ausgehen.

Michael hatte eine Schulfreundin – platonisch, weiter ließ er es nicht kommen – mehr ist in seinem sexuellen Leben nicht gelaufen.

Schließlich aber begegnen beide der Liebe ihres Lebens: Michael trifft seine ehemalige Schulfreundin Annabelle (Franka Potente) wieder. Bruno dagegen lernt in einem esoterischen Urlaubscamp Christiane (Martina Gedeck) kennen, mit der er endlich auch seine sexuellen Obsessionen ausleben kann. Doch das Glück scheint von kurzer Dauer – beide Frauen erkranken schwer. Bruno und Michael stehen vor einer ultimativen Entscheidung: altgewohnte Einsamkeit oder neuartige Zweisamkeit…

Am Ende des Films erwartete ich donnernden Applaus, denn ich zumindest hatte mich rundum gut unterhalten gefühlt. Witzige Szenen und Vieles, das mich nachdenklich stimmte, an alte Freunde denken ließ – ein Film für meine Generation, in den 60ern geboren und immer zu allem zu spät gekommen!

Aber das Fachpublikum schwieg! Im Foyer des Kinos schwirrten Äußerungen umher wie “Was war das denn für ein Mist? Der Ulmen war in ‘Lehmann’ aber besser!” Oder “Der Bleibtreu war echt gut, aber der Film war total nichtssagend. Nichts gegen das Buch!”

Hatte ich da irgendwas nicht verstanden? Gut, ich habe das Buch nicht gelesen – kann sein, das der Film der Literatur nicht gerecht wird. Aber ich als Durchschnittskinogänger habe mich glänzend unterhalten gefühlt! Ist das nichts? Vielleicht liegt es daran, dass die Kritiker entweder zehn Jahre jünger oder zehn Jahre älter waren als ich!

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